logo
 
logo

Melanie Schirdewahn

Grimmstr. 7

D-50823 Köln

Fon: +49(0)221 55 94 800

Mobil: +49(0)162 64 13 651

ms@tatort-tekst.de

www.tatort-tekst.de

, , , ,

22. März 2018

Risse + Rauch + Ruß = Raku 楽焼

Beißender Qualm steigt auf. Ich schließe die Augen, wende mich ab, doch es ist bereits zu spät. Ein Bach von Tränen stürzt mir aus den Augen, verschleiert mir den Blick. Die Rauchschwaden erreichen meine Lunge, ich huste, röchele, fliehe vor dem Qualm. Keine gute Idee, ganz ohne Rauchmaske mit schmauchenden Raku-Teilen zu hantieren! … aber von Anfang an …

 

Keramik, die auf Raku-Art gebrannt wird, ist etwas ganz Besonderes, denn sie entsteht aus Feuer und Rauch und bringt Unikate von kraftvoller, rustikaler Schönheit hervor. Entwickelt wurde die Brenntechnik im Japan des 16. Jahrhunderts, vermutlich vom Dachziegelmacher Chōjirō in Zusammenarbeit mit dem berühmten Zen-Teemeister Rikyū. Ziel war es, Teeschalen zu kreieren, die den Vorstellungen des Zen-Buddhismus entsprachen. Nachdem ein Schüler Chōjirōs aus Dankbarkeit für einen gelungenen Dachdeckerauftrag mit einem Töpfersiegel geehrt worden war, das das Schriftzeichen 楽 (raku = Freude) trug, wurde die besondere Brenntechnik fortan Raku genannt.

In der westlichen Welt erlangte die Raku-Brennweise erst in den 1940er-Jahren Bekanntheit, erfreute sich aber – in abgewandelter Form – schnell großer Beliebtheit. Im Gegensatz zum japanischen Raku, das hauptsächlich handgeformte Teeschalen umfasst, die mit natürlichen Glasuren, wie zum Beispiel Aschen, verziert werden, verwendet man im westlichen Raku spezielle Raku-Glasuren, die beim Brand ein unverwechselbares Krakelee erzeugen. Dieses Krakelee lässt sich nicht oder nur wenig steuern, daher ist das endgültige Ergebnis immer eine Überraschung. Zudem ist es unglaublich faszinierend, die Entstehung des Krakelees mit eigenen Augen mitzuverfolgen.

Raku-Glasurproben

Bevor das Krakelee sich bilden kann, muss jedoch so einiges vorbereitet und bedacht werden. Als Erstes gestaltet man aus einem groben Ton mit relativ viel Schamotte (fein zerbröselter gebrannter Ton) Tongefäße oder Figuren ganz nach seinen eigenen Vorlieben. Ich persönlich mag klare, geometrische Formen am liebsten, da sie so schön mit dem rustikalen Krakelee kontrastieren. Die Ton-Teile werden nach dem Trocknen bei ca. 900 °C geschrüht (der Schrühbrand ist der erste Rohbrand). Anschließend kann glasiert werden. Spart man dabei Bereiche aus, werden diese später schwarz, denn der beim Brand entstehende Ruß zieht in den unbehandelten Scherben (gebrannter Ton) ein und färbt ihn schwarz – zumindest im besten Falle. Wenn man Pech hat, entsteht nur ein fleckiges Grau oder Braun. Ich verwende meist eine transparente Glasur, bei der das Krakelee sehr schön ausfällt und die Teile einen sanften Cremeton als Grundfarbe entwickeln.

Die glasierten Rohlinge beginnen im heißen Ofen zu glühen.

Dann wird es spannend. In einem speziellen Raku-Ofen (manche verwenden auch umgebaute Ölfässer), der mit Gas befeuert wird, werden die Tonteile langsam auf 1000 °C erhitzt. Danach werden die rot glühenden Keramiken mit einer Zange vorsichtig aus dem Ofen gehoben und direkt in einen Behälter mit Sägespänen oder Heu gegeben. Alternativ lässt man die Teile kurz an der Luft stehen und wartet, bis ein helles Pling-Geräusch zu hören ist. Das bedeutet, dass die Glasur aufgrund des heftigen Temperaturschocks anfängt zu reißen.

In den Sägespänen fangen die 1000 °C heißen Teile sofort Feuer.

Jetzt ist es höchste Zeit für ein Bad in den Sägespänen, die dabei sofort Feuer fangen. Man bedeckt die Keramiken mit weiteren Sägespänen, um die Flammen zu ersticken, und deckt den Behälter zum Schmauchen ab. Alternativ bewegt man die Teile noch ein wenig mit der Zange in den Flammen hin und her, bevor man den Behälter verschließt (beim Raku gibt es viele verschiedene Herangehensweisen, jeder hat andere Vorlieben). Der Ruß, der bei dieser Prozedur entsteht, zieht in die Glasurrisse ein und färbt diese und auch die unglasierten Bereiche schwarz ein.

Deckel drauf und abwarten.

Nun müssen die Meisterwerke nur noch abkühlen und anschließend gründlich mit Wasser und Stahlwolle abgeschrubbt werden. Denn beim Rakubrand bildet sich auf den Keramiken eine dicke bräunliche Patina. Erst darunter wird das hoffentlich schöne Ergebnis sichtbar. Jedes Raku-Teil entwickelt ein ganz individuelles Krakelee, dessen Aussehen durch Besprenkeln oder Besprühen mit Wasser und vielen anderen Tricks ein wenig beeinflusst werden kann. Die Raku-Technik ist ein weites Feld, das ich auch nur zu einem Bruchteil kenne. Experimentieren erwünscht!

Der Qualm hat sich gelegt, ich kann wieder frei atmen. Doch der Rauch sitzt überall, in jeder Faser meiner Kleidung, an jedem Haar, auf jedem Zentimeter meiner Haut. Jetzt schnell unter die Dusche und danach die wohltuende Ruhe und das Glück genießen, dass man mithilfe von Feuer und Rauch ein paar unvergleichliche Töpferwerke geschaffen hat!

 

 

Fotos: Melanie Schirdewahn

 

 

Beitrag kommentieren

Bitte verfasse einen Kommentar.

Dein Kommentar wird vor der Freischaltung von einem Admin moderiert.




By continuing to use the site, you agree to the use of cookies. More information

The cookie settings on this website are set to "allow cookies" to give you the best browsing experience possible. If you continue to use this website without changing your cookie settings or you click "Accept" below then you are consenting to this.

Close